Andreas Kampa



Chaussee der Enthusiasten


Literarischer Biathlon

Manchmal fragen mich Leute, ob sie den Text, den ich gerade vorgelesen habe, irgendwo nachlesen können. Meistens liegt es am Thema. Sie haben nämlich eine Freundin, die auch bei der Zeitung arbeitet (wie die Frau in meinem Text), oder sie kennen jemand, der genauso ist, wie der Typ, den ich beschrieben habe, oder sie haben einfach nur einen Kachelofen.
Meine Mutter findet übrigens Robert Naumann am besten, weil der nämlich schwerhörig ist, wie sie. Von Robert fühlt sie sich verstanden. Mich hingegen versteht sie nicht (weil sie schwerhörig ist). Offenbar ist Verständnis das entscheidende Kriterium, um als Autor beim Leser Gefallen zu finden. Und zwar nur ein solches Verständnis, das durch ein gemeinsames Schicksal ohnehin schon gegeben ist, das also gar keine Worte mehr braucht. Welch bittere Erkenntnis für einen Schriftsteller!

Nun also der Text, den sich eine junge Frau mit Kachelofen gewünscht hat. Es ist ein literarischer Biathlon, d.h. Prosa und Lyrik wechseln sich ab.

Prosa-Strecke

Wenn im Winter die Quecksilbersäule meines Zimmerthermometers unter 15 Grad Celsius rutscht, kann ich mich nur noch unter die Bettdecke legen und hoffen, dass mein Laptop ein bisschen Abwärme erzeugt. Dann versuche ich mir einzureden, dass der Winter auch seine guten Seiten hat. Ich denke darüber nach und friere und denke nach und friere und denke nach ..., doch das einzig Gute, was mir zum Winter einfällt, ist der Sommer in Australien. In solchen Momenten bin ich froh, niemanden in Australien zu kennen, der mir womöglich eine pietätlose Karte schicken würde: „Die Hitze hier ist unerträglich. Wir müssen den ganzen Tag baden gehen, um uns ein wenig abzukühlen.“ Das könnte ich nicht ertragen. Genau genommen ist der Sommer in Australien gar nichts Gutes, sondern das Schlimmste am Winter überhaupt. Allein der Gedanke, dass es Menschen gibt, die gerade Sommer haben, während man selber friert, lässt einem das eigene Leid nur noch stärker spüren. Ein missgünstiger, menschenverachtender, wütender Australierhass steigt in mir auf. Ich möchte sofort eine faschistoide Bewegung gründen, die „Australier rein!“, fordert, „aber nur im Winter.“
Mein innerer Adolf Hitler hat mein Gemüt so erhitzt, dass die Zimmertemperatur um ein Grad gestiegen ist. Möglicherweise liegt es auch am Kachelofen, den ich vor drei Stunden geheizt habe. Es gibt wohl keine Erfindung, die ihren Zweck so verfehlt, wie ein Kachelofen. Eine konstante Raumtemperatur ist praktisch unmöglich. Es erfordert schon ein kompliziertes Zeitmanagement, das man erst nach Jahren leidvollen Ausprobierens beherrscht, um die Zimmertemperatur auf einem angenehmen Wert zu halten. Und dafür müsste man schon arbeitslos sein, um das schmale Zeitfenster, in dem das Zimmer warm ist, zu genießen.

Lyrik-Schießen

Wecker schallt - Wohnung kalt
Aufstehn - Rausgehen
Kohlen – holen
Ofen heizen
Und nicht mit der Kohle geizen
Eine Stunde wart ich, friere
Dann schließ ich die Ofentüre
Ofen – kalt
Wohnung – kalt
Winter halt

Warten, frieren – Stunden später
Ofen wärmt sich – Langsam geht er
Erstes Celsius ist erklommen
Zweites Celsius wird bald kommen
Ofen – warm
Wohnung – bald
Winter halt

Endlich kann ich ganz gelassen
Ohne zu frieren das Bett verlassen
Jetzt wär Zeit zum Mittagessen
Doch in der Wohnung unterdessen
Herrschen grad die besten Grade
Jetzt essen gehen wär zu schade
Ofen - heiß
Wohnung – auch
Winter – kalt
Es knurrt der Bauch

Prosa-Strecke

Manchmal höre ich von Leuten den Satz: „Oh, du hast noch einen Kachelofen!“, oder noch schlimmer: „So ein Kachelofen erzeugt doch eine ganz besondere Wärme. Die ist viel gemütlicher als Heizungswärme.“ Diese romantische Verklärung des Kachelofens ist mir ein einziges Rätsel. Wenn ich sowas schon höre von Leuten, die nie mit einem Kachelofen ihr Zimmer heizen mussten, steigt in mir wieder der innere Adolf Hitler auf. Am liebsten würde ich sie anschreien: „Ihr habt doch überhaupt kein Ahnung, ihr verwöhnten Wohlstandsheizungskinder! Genauso gut könnte man einem in einem philippinischen Gefängnis bei Brot und Wasser Einsitzenden sagen: 'Oh, Brot und Wasser, das ist so ja so eine urige Mahlzeit. '“
Nein, allein der Dreck, den so ein Kachelofen mit sich bringt! Immer fällt ein bisschen Asche vor den Ofen. Und wenn man sie in den Ascheeimer kippt, bildet sich sofort eine große Aschewolke, die sich um den Eimer verteilt. Und wenn man den Ascheeimer zum Müll bringt, bildet sich beim Auskippen eine noch viel größere Aschewolke, die einem die ganze Kleidung einsaut.
Ein Gutes hat es jedoch. Wenn man abends nochmal Kohle nachlegt und sich dabei Hände schwarz färbt, spart man, wenn man anschließend ein Buch liest, das Lesezeichen.

Lyrik-Schießen

Asche fällt nicht, Asche schwebt
Asche gefällt nicht, wenn sie klebt
Asche befällt dich, denn sie lebt

Asche, Asche, Asche, Asche, Asche

Asche lässt die Augen weinen
Asche juckt an Arm und Beinen
Asche kratz auf deiner Zunge
Asche kitzelt in der Lunge

Asche, Asche, Asche, Asche, Asche

Asche glüht, brennt Aschelöcher
auf den Teppich noch und nöcher
Asche schmilzt den Kunststoff weich
Asche ist ... Scheiße
Fehlvers!

Strafreim

Das Schöne an nem Kachelofen
sehen nur die Doofen

Aus dem geheimen Tagebuch des Martin Luther

4. August 1517
Unterredung mit Pater Johann recht erfreulich verlaufen. Er findet meine Thesen interessant. Ich solle aber mal alles sauber aufschreiben, damit man sich ein genaues Bild machen könne.

6. August 1517
Habe Pater Johann meine Thesen schriftlich vorgelegt. Großes Lob seinerseits, allerdings fand er das Wort „Unkraut“ zu scharf. Am besten sei, ich ließe These 11 ganz weg, dann wären es genau 10 Thesen. Eine runde Zahl. Genauso viel wie Gottesgebote. Das hätte Symbolkraft. Ich sagte, ich will es mir überlegen.

7. August 1517
Je länger ich darüber nachdenke, um so wichtiger erscheint mit jeder Satz. Gerade These 11 ist unverzichtbar, auch in der Schärfe. Die Schuldigen müssen benannt werden, sonst bewirkt es nichts. Hat denn Jesus je ein Blatt vor den Mund genommen? Werde mit Pater Johann noch mal reden.

8. August 1517
Unerfreuliches Gespräch mit Pater Johann gehabt. Er beharrt auf zehn Thesen, das hat mich richtig aufgebracht. Es kommt doch auf den Inhalt an! Aber das will er nicht begreifen. Ich solle vernünftig sein. Dabei geht es mir ja um die Vernunft. Im Gegenteil, es wäre unvernünftig auch nur eine These wegzulassen. Doch er: „Luther, Ihre Thesen haben das Zeug zur Weltgeschichte. Aber mit 11 Thesen wird das nichts? Das klingt nicht.“ Da habe ich ihn angebrüllt: „Kleingeistiger Katholik!“ Und er brüllte zurück: „Selber.“ Und ich: „Gar nicht.“ Und er: „Doch.“
Na das werden wir noch sehen.

9. August 1517
Bin immer noch so in Rage, dass ich aus puren Zorn 6 weitere Thesen geschrieben habe. Schön was über Hölle und Fegefeuer, das sich gewaschen hat. Wollen wir doch mal sehen, ob er auch die Stirn hat, mir 7 Thesen zu rauszustreichen.

10. August 1517
Habe eine Nacht drüber geschlafen und mir heute morgen noch einmal in Ruhe meine 17 Thesen durchgelesen. Finde sie immer noch gelungen und unverzichtbar. Pater Johann wird nicht begeistert sein, wenn ich sie ihm zeige. Im Gegenteil, er wird es mir als Trotz auslegen. Er kennt mich zu gut. Aber inhaltlich lässt sich nichts gegen meine Thesen sagen. Das wird auch er einsehen müssen. Vielleicht sollte ich noch zwei versöhnliche Thesen über die Liebe anfügen, um ihn milde zu stimmen.

11. August 1517
Das ist doch nicht ihr Ernst, hat er gesagt. Wollen Sie mich verarschen, Luther? 10 Thesen sollten sie schreiben und jetzt bringen sie mir 19.
Naja. Es war zu erwarten, dass er so reagiert. Habe dann auf ihn eingeredet, er solle sie erstmal lesen, was er schließlich widerwillig tat. Dann hat er nur noch den Kopf geschüttelt. Mensch, Luther, wenn das der Papst liest! Da hab ich gesagt: Ich fürchte mich nicht vor dem Papst, und bin wütend rausgerannt.

12. August 1517
Habe noch ein paar Thesen zum Papst angefügt und den Ablasshandel in aller Deutlichkeit gebrandmarkt. Die Thesen fließen mir nur so aus der Feder. Es ist mir egal, was Pater Johann dazu sagt.

18. August 1517
Ich denke, die Arbeit hat sich gelohnt. Es ist jetzt eine runde Sache. These 36 bringt es zum Abschluss auf den Punkt: „Ein jeder Christ, der wahre Reue und Leid hat über seine Sünden, der hat völlige Vergebung von Strafe und Schuld, auch ohne Ablassbrief.“ Punkt. Das wird auch Pater Johann überzeugen, denke ich.

20. August 1517
Habe mich mit Pater Johann ausgesöhnt. Er findet mein Werk nun hervorragend. Ich sei ein guter Schreiber, sagt er. Und ein guter Theologe. Er würde noch viel von mir erwarten. Daraufhin habe ich mich bei ihm entschuldigt für den ganzen Ärger. Er sagte nur: „Soll ich dir einen Ablassbrief geben?“ Da haben wir gelacht. Ich denke, nun wird alles gut. Am 4. September soll ich meine Thesen den Kollegen vorstellen.

21. August 1517
Gestern euphorisch zu Bett gegangen. Konnte vor Aufregung kaum schlafen. Habe die ganze Nacht wach gelegen; dabei sind mir noch 15 Thesen eingefallen. Jetzt ist der Schluss nicht mehr so schön. Da muss ich morgen noch mal ran.

25. August 1517
Puh, bin jetzt bei 68 Thesen. Ein Ende ist nicht abzusehen. Aber die Sache muss hieb- und stichfest sein, wenn ich sie in zehn Tagen den Kollegen präsentieren soll.

30. August 1517
Treffe mich morgen mit Pater Johann. Weiß noch nicht, wie ich ihm erklären soll, dass es nun doch mehr als 36 Thesen sind. Ich muss behutsam vorgehen. Vielleicht bringe ich ihm ein bisschen Gebäck mit, und ein paar Spreewälder Gurken, die er so mag.

31. August 1517
Armer Pater Johann! Das war ein schöner Schlag für ihn, als ich plötzlich mit 81 Thesen bei ihm aufkreuzte. Sind sie wahnsinnig, Luther, wer soll denn das lesen?, hat er gesagt. Es sei so gut gewesen bis These 36, was ich danach noch geschrieben hätte, wäre erstens zu lang und könnte mich zweitens den Kopf kosten. Aber ihm war wohl schon klar, dass ich mich nicht beirren ließe. Er gab mir dann noch den guten Rat, manche Thesen lieber als Frage zu formulieren.

3. September 1517
Habe noch 8 Fragen angefügt. Bin gespannt, wie mein 89-Thesen-Papier morgen ankommen wird.

4. September 1517
Es ist überstanden. Die meisten waren von meinem 95-Thesen-Papier recht angetan. Hauptkritikpunkt: Warum nicht 100 Thesen? Damit könnte ich Weltgeschichte machen. Nun gut: 5 Thesen werde mir wohl noch einfallen.

4. Oktober 1517
Irgendwie fällt mir nichts mehr ein. Ich bin völlig ausgebrannt. Was soll ich nur machen? Mein Kopf ist völlig leer. Ich wünschte, es gebe irgendeine heiße, schwarze Brühe, die den Geist belebt. Oder so kleine Stäbchen, mit denen man sich Weihrauch einpfeifen kann. In diesem Scheißmittelalter gibt es ja noch nicht mal ein weißes Pulver, dass man sich durch die Nase ziehen kann.

28. Oktober 1517
Pater Johann hat unter den Kollegen gefragt, ob denen noch ein paar Thesen einfallen würden, aber offenbar ist ihnen die Sache zu heiß.

31. Oktober 1517: Habe nun eine Anzeige ans Kirchentor geschlagen:


"Suche noch 5 Thesen für mein 100-Thesen-Papier. Bin für jeden Vorschlag dankbar. Gerne auch anonym. Folgende 95 habe ich schon.

Martin Luther."




Historisches (1973)

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