Bin ich einfach nur nicht paranoid, oder ist tatsächlich niemand hinter mir her?
Manchmal kommt es mir so vor, als wäre niemand hinter mir her. Ja, ich könnte schwören, dass kein Mensch sich die Mühe machte, mich ernsthaft zu verfolgen. Ich weiß, das klingt verrückt, und das ist es vermutlich auch. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ich jemandem so wichtig bin, dass er mir sogar Übles will. Wenn ich zum Beispiel die Straße betrete, denke ich, dass die Leute, die dort lang laufen, auch ohne mich dort lang laufen würden. Selbst wenn jemand ganz offensichtlich hinter mir hergeht, rede ich mir gegen jeden Anschein ein, dass wir nur rein zufällig den selben Weg haben. Mein Nichtverfolgungswahn hat meinen Verstand voll im Griff. Er sucht sich immer die Erklärung aus, die er am meisten fürchtet. Und ich fürchte nun mal, nicht verfolgt zu werden. Davor habe ich eine Heidenangst.
Natürlich ist mir auch schon aufgefallen, dass ständig wildfremde Leute unter irgendeinem Vorwand bei mir anrufen, um meine Anwesenheit zu kontrollieren. Und obwohl sie mir völlig sinnlose Fragen stellen, denke ich: Warum sollte das nicht stimmen? Vielleicht haben sie sich tatsächlich die Mühe gemacht, ganz viele Telefonnummern zu sammeln, nur um ein bisschen Marktforschung zu betreiben. Das kann doch sein! Es klingt zwar unwahrscheinlich, aber es ist doch auch nicht ausgeschlossen.
Ich denke mir auch nichts dabei, wenn in öffentlichen Verkehrsmitteln mir wildfremde Menschen ihre Handyszücken, um meine Position durchzugeben. Ich denke dann einfach, es ist ja auch ihre Position. Sie kennen vielleicht jemanden, den das interessiert, wo sie sich gerade aufhalten. Mit mir hat das alles gar nichts zu tun. Ist das naiv? Vielleicht. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die ganze Welt nur meinetwegen existiert. Auch wenn alles dagegen spricht. Mein Wahn hat mich fest im Griff. Solange er eine logische Möglichkeit findet, dass alles auch ohne mich so wäre, wie es ist, wird er sie ergreifen. Ich sage mir dann einfach, die Welt hat schon vor meiner Geburt ohne mich existiert und nach meinem Tod wird sie es weiter tun. Warum also sollte sie nicht auch jetzt, während ich lebe, ohne mich auskommen?
Natürlich gibt es auch in meinem Leben helle Momente, in denen ich glaube, die ganze Welt hätte sich gegen mich verschworen. Doch meistens dauern diese Momente nicht lange, und ich verfalle wieder in den Wahn, dass ich der Welt im Grunde egal bin und niemand mich verfolgt, noch mir irgendetwas Böses will. Wenn mich zum Beispiel Menschen beleidigen, denke ich, sie meinen gar nicht mich, sie haben einfach nur schlechte Laune. Stünde ihnen gerade jemand anders gegenüber, würden sie eben den beleidigen. Mit mir hat das nichts zu tun. Es ist krank, ich weiß, aber ich kann nichts dagegen machen. Ich wünschte, ich wäre so normal, wie alle andern Menschen, die sich ohne Probleme vorstellen können, verfolgt zu werden. Die sich im Internet sogar Blogs und Twitter-Accounts einrichten, um ihre Follower ständig auf dem Laufenden zu halten. Ich könnte das nicht. Die Angst ist einfach zu groß, dass sich kein Follower findet, der mich freiwillig verfolgt. Der sich bei Facebook in meine Feindesliste als Freund einträgt und jedem meiner Kommentare ein „Gefällt mir nicht“ gibt.
Ich ziehe auch keine Schlüsse daraus, dass in letzter Zeit so viele Menschen ihre Telefone auf mich richten, obwohl ich genau weiß, dass sie alle eine Kamera hinten drin haben. Warum sollten sie mich filmen?, denke ich dann. Wahrscheinlich lesen sie nur irgendeine SMS oder benutzen eine interessante App. Das kann doch sein. Wer will das ausschließen?
Manchmal traue ich mich gar nicht aus dem Haus, weil ich mir so ignoriert vorkomme. Es hilft auch nichts, wenn ich mich gelegentlich auf eine Bühne stelle. Ich denke dann immer, die Leute schauen nur deshalb in meine Richtung, weil ihre Stühle so ungünstig stehen. Warum sollte mich jemand dabei beobachten wollen, wie ich mir etwas durchlese? Das kommt mir unlogisch vor. Die Leute haben doch bestimmt genug eigene Probleme. Was interessieren sie die Ansichten eines kranken Menschen, der unter Nichtverfolgungswahn leidet?
Ja, ich muss zugeben: Ich habe mich in meinem Wahn gut eingerichtet. So nehme ich es auch nicht persönlich, wenn mir Unbekannte per Email Penisverlängerungen vorschlagen. Ich denke dann immer: Die kriegen bestimmt alle. Das hat nichts mit mir zu tun. Wenn jemand auf der Straße meinen Namen ruft, drehe ich mich ja auch nicht um, sondern denke: Der meint bestimmt einen anderen Andreas. Es hat sicher auch nichts zu bedeuten, dass mir im Internet auf Seiten, die ich noch nie zuvor besucht habe, Produkte angeboten werde, die ich mir gerade erst irgendwo anders angeschaut habe. Wahrscheinlich stecken nur irgendwelche ausgeklügelten Programme dahinter, denke ich dann. Es gibt eben für alles ein ganz harmlose Erklärung, auch wenn es schon merkwürdig ist, dass jemand – wie google-Maps zu beweisen scheint – ständig mein Haus von oben fotografiert. Und offenbar auch von der Straße aus. Doch ich bin nie auf einem der Bilder zu sehen. Nirgends. Es ist, als würde ich gar nicht existieren. Wer er auch immer die Welt von oben betrachtet – und es kann sich ja nur um Gott handeln – er sieht mich gar nicht. Ich werde sogar von Gott ignoriert. Nicht mal er verfolgt mich. Und auch sonst niemand! Es ist einfach nur beängstigend.
Demnächst in Ihren Nachrichten
9. November 2011
Angela Merkel tritt vor die Presse, um den erfolgreichen Abschluss der G20-Verhandlungen bekannt zu geben. Beiläufig erklärt sie der verblüfften Weltöffentlichkeit, dass man auch die Wiedereinführung der 2-Staaten-Regelung beschlossen habe. Als ein italienischer Journalist nachhakt, ab wann die neue Regelung denn gelte, antwortet Merkel: „Nach meiner Kenntnis sofort, unverzüglich.“
Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe. Noch in der Nacht strömen Tausende ehemaliger DDR-Bürger aus dem Westen Richtung Mauerstreifen, um rechtzeitig vor Mauerbau wieder im Osten zu sein. Viele haben Tränen in den Augen: „Das ick dit noch erleben darf! Ick hab erlebt, wie die Mauer abgerissen wurde, jetzt wird se endlich wieder uffjebaut. Wahnsinn! Wahnsinn!“ Am Straßenrand werden sie freudig von ihren Westberliner Mitbürgern verabschiedet. Journalisten fragen die Neuankömmlinge, worauf sie sich am meisten freuen. „Dass et keene Bananen mehr jibt. Ick kann die janzen Südfrüchte nicht mehr sehen.“ Andere sagen: „Hauptsache nich mehr reisen dürfen. Ick wollte doch damals nur mal gucken. Da brauch ick do nich 20 Jahre für.“
Vor dem Roten Rathaus stimmen Klaus Wowereit und Gregor Gysi spontan die DDR-Nationalhymne an. Die Menge skandiert: „Deutschland – zweiig Vaterland.“ Altkanzler Helmut Schmidt spricht den geschichtsträchtigen Satz: „Nur geteilte Freude ist doppelte Freude.“ Wowereit ergänzt: „...und das ist auch gut so.“
10. November 2011
Der Unmut in der Bevölkerung wächst, weil sich die Arbeiten an der Mauer verzögern. Menschenmassen versammeln sich am Mauerstreifen. Sprechchöre werden laut: „Die Mauer muss her! Die Mauer muss her.“ An Westberliner Banken bilden sich lange Schlangen, weil viele DDR-Bürger ihr Abschiedsgeld bezahlen wollen: „Damit wa endlich quitt sind.“ Im Fernsehen werden die neuen Reisebeschränkungen diskutiert, die den meisten nicht weit genug gehen. „Ick will nich einmal im Jahr in Westen reisen dürfen. Wat soll ick denn meine Tante sagen, warum ick se am Jeburtstag nich besuchen komme?“
11. November 2011
Ein Runder Tisch aus den Ministerpräsidenten der fünf neuen Länder und ehemaligen Bürgerrechtlern übernimmt vorübergehend die Regierungsgeschäfte der DDR, bis ein neuer Diktator gefunden ist. Egon Krenz lehnt das Angebot, diese Aufgabe zu übernehmen, ab mit der Begründung, er fühle sich noch zu jung für den Job. Währenddessen trifft sich Angela Merkel in Bonn, der neuen Hauptstadt Westdeutschlands, mit den Regierungschefs der USA, Frankreichs, Großbritanniens und Russlands zu Verhandlungen über die Wiederaufnahme des Vier-Mächte-Status. Die Gespräche gestalten sich schwierig, weil Putin nicht schon wieder den Osten haben will.
12. November 2011
Zu einem Umtauschkurs von 2:1 wird die Ostmark wieder eingeführt. Über Nacht verschwinden alle Waren aus den Regalen. Trotzdem bilden sich lange Schlangen vor den Geschäften, damit sich die Leute auf Wartelisten eintragen für die Ostsachen, wenn es wieder welche gibt.
13. November 2011
Ungarn macht vorsichtshalber die Grenze zu Österreich dicht, um von der neuen Entwicklung in Deutschland nicht angesteckt zu werden. Polen und Tschechien ziehen nach. In der Prager Botschaft sammeln sich daraufhin Hunderte ehemaliger DDR-Bürger, die nicht mehr zurück an ihre Westdeutschen Arbeitsplätze wollen. Guido Westerwelle fährt zur Klärung der Sache nach Prag. Gegen Mitternacht betritt er den Balkon der Prager Botschaft und verkündet: „Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise ...“ Der Satz erstickt im Jubel der Menschen.
14. November 2011
Auf Beschluss des Runden Tisches werden nach dem Prinzip Rückgabe vor Entschädigung die Stasiakten wieder der Stasi übergeben. Außerdem soll das Wahlsystem vereinfacht werden. Um mehr Planungssicherheit zu erreichen, sollen die Ergebnisse nach wissenschaftlichen Methoden errechnet werden, die der interessierte Bürger dann nur noch der Presse zu entnehmen braucht.
15. November 2011
Der Saarländer Oskar Lafontaine wird neuer Staatsratsvorsitzender der DDR. Spontan bilden sich in Leipzig Jubelkundgebung mit der Parole: „Oskar ist das Volk.“
16. November 2011
Die deutsche Zweiheit ist wiederhergestellt. Auf dem ehemaligen Platz des Palastes der Republik wird in einem Festakt der 41. Jahrestag der DDR nachgeholt. Die Menschen in Ost und West blicken frohen Mutes der Vergangenheit entgegen.
Angela Merkel tritt vor die Presse, um den erfolgreichen Abschluss der G20-Verhandlungen bekannt zu geben. Beiläufig erklärt sie der verblüfften Weltöffentlichkeit, dass man auch die Wiedereinführung der 2-Staaten-Regelung beschlossen habe. Als ein italienischer Journalist nachhakt, ab wann die neue Regelung denn gelte, antwortet Merkel: „Nach meiner Kenntnis sofort, unverzüglich.“
Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe. Noch in der Nacht strömen Tausende ehemaliger DDR-Bürger aus dem Westen Richtung Mauerstreifen, um rechtzeitig vor Mauerbau wieder im Osten zu sein. Viele haben Tränen in den Augen: „Das ick dit noch erleben darf! Ick hab erlebt, wie die Mauer abgerissen wurde, jetzt wird se endlich wieder uffjebaut. Wahnsinn! Wahnsinn!“ Am Straßenrand werden sie freudig von ihren Westberliner Mitbürgern verabschiedet. Journalisten fragen die Neuankömmlinge, worauf sie sich am meisten freuen. „Dass et keene Bananen mehr jibt. Ick kann die janzen Südfrüchte nicht mehr sehen.“ Andere sagen: „Hauptsache nich mehr reisen dürfen. Ick wollte doch damals nur mal gucken. Da brauch ick do nich 20 Jahre für.“
Vor dem Roten Rathaus stimmen Klaus Wowereit und Gregor Gysi spontan die DDR-Nationalhymne an. Die Menge skandiert: „Deutschland – zweiig Vaterland.“ Altkanzler Helmut Schmidt spricht den geschichtsträchtigen Satz: „Nur geteilte Freude ist doppelte Freude.“ Wowereit ergänzt: „...und das ist auch gut so.“
10. November 2011
Der Unmut in der Bevölkerung wächst, weil sich die Arbeiten an der Mauer verzögern. Menschenmassen versammeln sich am Mauerstreifen. Sprechchöre werden laut: „Die Mauer muss her! Die Mauer muss her.“ An Westberliner Banken bilden sich lange Schlangen, weil viele DDR-Bürger ihr Abschiedsgeld bezahlen wollen: „Damit wa endlich quitt sind.“ Im Fernsehen werden die neuen Reisebeschränkungen diskutiert, die den meisten nicht weit genug gehen. „Ick will nich einmal im Jahr in Westen reisen dürfen. Wat soll ick denn meine Tante sagen, warum ick se am Jeburtstag nich besuchen komme?“
11. November 2011
Ein Runder Tisch aus den Ministerpräsidenten der fünf neuen Länder und ehemaligen Bürgerrechtlern übernimmt vorübergehend die Regierungsgeschäfte der DDR, bis ein neuer Diktator gefunden ist. Egon Krenz lehnt das Angebot, diese Aufgabe zu übernehmen, ab mit der Begründung, er fühle sich noch zu jung für den Job. Währenddessen trifft sich Angela Merkel in Bonn, der neuen Hauptstadt Westdeutschlands, mit den Regierungschefs der USA, Frankreichs, Großbritanniens und Russlands zu Verhandlungen über die Wiederaufnahme des Vier-Mächte-Status. Die Gespräche gestalten sich schwierig, weil Putin nicht schon wieder den Osten haben will.
12. November 2011
Zu einem Umtauschkurs von 2:1 wird die Ostmark wieder eingeführt. Über Nacht verschwinden alle Waren aus den Regalen. Trotzdem bilden sich lange Schlangen vor den Geschäften, damit sich die Leute auf Wartelisten eintragen für die Ostsachen, wenn es wieder welche gibt.
13. November 2011
Ungarn macht vorsichtshalber die Grenze zu Österreich dicht, um von der neuen Entwicklung in Deutschland nicht angesteckt zu werden. Polen und Tschechien ziehen nach. In der Prager Botschaft sammeln sich daraufhin Hunderte ehemaliger DDR-Bürger, die nicht mehr zurück an ihre Westdeutschen Arbeitsplätze wollen. Guido Westerwelle fährt zur Klärung der Sache nach Prag. Gegen Mitternacht betritt er den Balkon der Prager Botschaft und verkündet: „Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise ...“ Der Satz erstickt im Jubel der Menschen.
14. November 2011
Auf Beschluss des Runden Tisches werden nach dem Prinzip Rückgabe vor Entschädigung die Stasiakten wieder der Stasi übergeben. Außerdem soll das Wahlsystem vereinfacht werden. Um mehr Planungssicherheit zu erreichen, sollen die Ergebnisse nach wissenschaftlichen Methoden errechnet werden, die der interessierte Bürger dann nur noch der Presse zu entnehmen braucht.
15. November 2011
Der Saarländer Oskar Lafontaine wird neuer Staatsratsvorsitzender der DDR. Spontan bilden sich in Leipzig Jubelkundgebung mit der Parole: „Oskar ist das Volk.“
16. November 2011
Die deutsche Zweiheit ist wiederhergestellt. Auf dem ehemaligen Platz des Palastes der Republik wird in einem Festakt der 41. Jahrestag der DDR nachgeholt. Die Menschen in Ost und West blicken frohen Mutes der Vergangenheit entgegen.
Athazagoraphobie
Ich war ein Turnbeutelvergesser, allerdings nicht, um mich zu drücken, sondern aus Vergesslichkeit. Ich vergesse öfter mal Dinge. Man kann nichts dagegen machen. Außer vielleicht, Gewohnheiten auszubilden. Jeden Tag zur Schule zu gehen, kann man z.B. nicht vergessen, aber dass ausgerechnet heute Sport dran ist, ist wahnsinnig schwer zu merken.
Das Vergessen kommt meist völlig überraschend. Es lässt sich nicht vorhersagen, wann und warum es kommt. Was ich zum Beispiel in der Küche wollte, vergesse ich häufiger. Das Problem ist die Wegstrecke, die ich zurücklegen muss, um in die Küche zu gelangen. Sekunden verrinnen, in denen ich vergessen kann. Im Grunde gibt es kaum etwas Gefährlicheres als den Weg zur Küche, zumindest, was das Vergessen angeht. Manchmal hilft es, den Weg zurückzugehen, sich wie ein Detektiv in den Täter des Vergessens – also mich – hineinzuversetzen. Was habe ich gemacht, kurz bevor ich vergessen habe, woran ich mich nicht mehr erinnere?
Genauso schlimm ist die Wartezeit beim Hochfahren des Laptops. Viel zu viel Zeit vergeht, bis ich endlich bei Wikipedia nachschlagen kann, was ich bis dahin vergessen habe. Es hilft, vorbeugend das Suchwort Mantra-artig vor sich her zu brabbeln: Athazagoraphobie, Athazagoraphobie, Athazagoraphobie ... aha! - die Angst vor dem Vergessen.
Angst ist die logische Reaktion des Körpers auf potentielle Gefahren, auf die sie uns vorbereitet, leider auch, wenn gar kein Grund mehr dazu besteht. Meine Oma hatte in ihren letzten Lebensjahren immer wahnsinnige Angst gehabt, ihre Handtasche zu vergessen, obwohl dort gar nichts mehr drin war; wir kümmerten uns ja um alles, weil sie so vergesslich war. Doch es beruhigte sie, wenn sie ihre Handtasche dabei hatte.
Ich träume heute noch manchmal davon, irgendein Buch der Bibliothek seit Jahren schuldig zu sein, weil ich es einfach vergesse habe. Die Angst ist unbegründet. Sie stammt aus einer Zeit, in der ich mir viel in Bibliotheken ausgeliehen habe. Das ist heute nicht mehr so, trotzdem habe ich manchmal noch Alpträume. Das gemeine an der Angst vor dem Vergessen ist, dass man nie sicher sein kann, ob sie nicht doch berechtigt ist. Habe ich wirklich nichts vergessen, oder kann ich mich bloß nicht daran erinnern? Ein Teufelskreis, der sich noch nicht einmal logisch lösen lässt. Die Angst vor dem Vergessen ist immer berechtigt.
Geradezu teuflisch und – ich möchte sagen – menschenverachtend, ist die moderne Erfindung der Geheimzahlen. Ich wache manchmal schweißgebadet auf, in der Meinung, meine jahrelange Geheimzahl vergessen zu haben. Natürlich kann ich mich in so einem Moment tatsächlich nicht an sie erinnern. Ich versuche mich dann damit zu beruhigen, dass ich sie bisher, wenn es darauf ankam, immer gewusst habe. Aber stimmt das überhaupt, oder kann ich mich bloß nicht daran erinnern?
Erschwerend kommt hinzu, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der meine Geheimzahl kennt. Ich kann sie noch nicht einmal googeln. Ist den Erfindern des Geheimzahlen-Systems eigentlich klar, welchen unmenschlichen Druck das bei Menschen erzeugt, die von sich wissen, dass sie vergesslich sind. Ich wünschte, wenigstens das könnte ich vergessen. Meine Vergesslichkeit scheint aber das einzige zu sein, das ich nie vergessen werde.
Geheimzahlen sind aber noch auf eine zweite Weise gemein. Man sollte sie Gemeinzahlen nennen. Man darf sie nämlich nicht nur nicht vergessen, man darf sie auch niemanden weiter erzählen. Somit steht man gleich doppelt unter Druck. Ich warte auf den Tag, an dem ich träume, meine Geheimzahl im Traum zu verraten und es anschließend sofort wieder zu vergessen. Möglicherweise ist das längst geschehen, ich kann mich ja immer so schlecht an meine Träume erinnern.
Die Angst vor dem Vergessen ist wahrscheinlich die rationalste Angst, die es gibt. Im Gegenteil ist es irrational, keine Angst vor dem Vergessen zu haben. Gerade jetzt, in diesem Moment, könnte jeder von uns etwas ganz, ganz Wichtiges vergessen haben. Ist das nicht der reine Wahnsinn?
Das Vergessen kommt meist völlig überraschend. Es lässt sich nicht vorhersagen, wann und warum es kommt. Was ich zum Beispiel in der Küche wollte, vergesse ich häufiger. Das Problem ist die Wegstrecke, die ich zurücklegen muss, um in die Küche zu gelangen. Sekunden verrinnen, in denen ich vergessen kann. Im Grunde gibt es kaum etwas Gefährlicheres als den Weg zur Küche, zumindest, was das Vergessen angeht. Manchmal hilft es, den Weg zurückzugehen, sich wie ein Detektiv in den Täter des Vergessens – also mich – hineinzuversetzen. Was habe ich gemacht, kurz bevor ich vergessen habe, woran ich mich nicht mehr erinnere?
Genauso schlimm ist die Wartezeit beim Hochfahren des Laptops. Viel zu viel Zeit vergeht, bis ich endlich bei Wikipedia nachschlagen kann, was ich bis dahin vergessen habe. Es hilft, vorbeugend das Suchwort Mantra-artig vor sich her zu brabbeln: Athazagoraphobie, Athazagoraphobie, Athazagoraphobie ... aha! - die Angst vor dem Vergessen.
Angst ist die logische Reaktion des Körpers auf potentielle Gefahren, auf die sie uns vorbereitet, leider auch, wenn gar kein Grund mehr dazu besteht. Meine Oma hatte in ihren letzten Lebensjahren immer wahnsinnige Angst gehabt, ihre Handtasche zu vergessen, obwohl dort gar nichts mehr drin war; wir kümmerten uns ja um alles, weil sie so vergesslich war. Doch es beruhigte sie, wenn sie ihre Handtasche dabei hatte.
Ich träume heute noch manchmal davon, irgendein Buch der Bibliothek seit Jahren schuldig zu sein, weil ich es einfach vergesse habe. Die Angst ist unbegründet. Sie stammt aus einer Zeit, in der ich mir viel in Bibliotheken ausgeliehen habe. Das ist heute nicht mehr so, trotzdem habe ich manchmal noch Alpträume. Das gemeine an der Angst vor dem Vergessen ist, dass man nie sicher sein kann, ob sie nicht doch berechtigt ist. Habe ich wirklich nichts vergessen, oder kann ich mich bloß nicht daran erinnern? Ein Teufelskreis, der sich noch nicht einmal logisch lösen lässt. Die Angst vor dem Vergessen ist immer berechtigt.
Geradezu teuflisch und – ich möchte sagen – menschenverachtend, ist die moderne Erfindung der Geheimzahlen. Ich wache manchmal schweißgebadet auf, in der Meinung, meine jahrelange Geheimzahl vergessen zu haben. Natürlich kann ich mich in so einem Moment tatsächlich nicht an sie erinnern. Ich versuche mich dann damit zu beruhigen, dass ich sie bisher, wenn es darauf ankam, immer gewusst habe. Aber stimmt das überhaupt, oder kann ich mich bloß nicht daran erinnern?
Erschwerend kommt hinzu, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der meine Geheimzahl kennt. Ich kann sie noch nicht einmal googeln. Ist den Erfindern des Geheimzahlen-Systems eigentlich klar, welchen unmenschlichen Druck das bei Menschen erzeugt, die von sich wissen, dass sie vergesslich sind. Ich wünschte, wenigstens das könnte ich vergessen. Meine Vergesslichkeit scheint aber das einzige zu sein, das ich nie vergessen werde.
Geheimzahlen sind aber noch auf eine zweite Weise gemein. Man sollte sie Gemeinzahlen nennen. Man darf sie nämlich nicht nur nicht vergessen, man darf sie auch niemanden weiter erzählen. Somit steht man gleich doppelt unter Druck. Ich warte auf den Tag, an dem ich träume, meine Geheimzahl im Traum zu verraten und es anschließend sofort wieder zu vergessen. Möglicherweise ist das längst geschehen, ich kann mich ja immer so schlecht an meine Träume erinnern.
Die Angst vor dem Vergessen ist wahrscheinlich die rationalste Angst, die es gibt. Im Gegenteil ist es irrational, keine Angst vor dem Vergessen zu haben. Gerade jetzt, in diesem Moment, könnte jeder von uns etwas ganz, ganz Wichtiges vergessen haben. Ist das nicht der reine Wahnsinn?
Abonnieren
Posts (Atom)